BRAUCHTUM & FESTE · November
Allerheiligen.
Lichter, die Erinnerung tragen.
Gräber besuchen, Lichter entzünden, einen Striezel verschenken: Wie die ersten Novembertage Erinnerung und Gemeinschaft verbinden.
ERINNERN. TEILEN. VERBUNDEN BLEIBEN.
01 / Kurz erklärt
Erinnern, was Menschen weitergeben.
Ein Licht auf dem Grab. Ein vertrauter Name. Eine Geschichte, die am gemeinsamen Tisch wieder lebendig wird.
Allerheiligen am 1. November ist im katholischen Kirchenjahr das Fest aller Heiligen. Es gilt auch Menschen, deren Namen nicht in einem Heiligenkalender stehen und deren Glauben im Verborgenen gelebt wurde. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf ein Leben, das nach christlichem Verständnis bei Gott vollendet ist. [2]
Im Brauchtum begegnet uns der Tag besonders auf dem Friedhof: Angehörige kommen zusammen, schmücken Gräber und entzünden Lichter. Dabei berührt Allerheiligen bereits das Gedenken des folgenden Tages, Allerseelen. [3]
Für den Jahreskreis eröffnet sich hier eine stille, aber keineswegs leere Zeit. Welche Menschen haben uns geprägt? Was erzählen wir von ihnen weiter? Solche Fragen können einen Weg vom öffentlichen Fest zur eigenen Familiengeschichte schaffen.
02 / Zwei Tage im November
Nah beieinander, mit eigenem Sinn.
1. NOVEMBER
AllerheiligenFest aller Heiligen – auch der unbekannten.
2. NOVEMBER
AllerseelenGedenken und Gebet für die verstorbenen Gläubigen.
Die beiden Tage gehören im katholischen Kalender zusammen, haben jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Allerheiligen blickt auf die Gemeinschaft der Heiligen; Allerseelen widmet sich der Fürbitte für Verstorbene. [1] Im Brauchgeschehen überschneiden sie sich: Lichter und Grabschmuck prägen vielerorts schon den 1. November. [3]
Im KrautKult-Archiv führen die Seiten zu Allerheiligen und Allerseelen zu den einzelnen Gedenktagen. Hier steht im Mittelpunkt, wie aus dem Kalenderdatum ein gemeinsam begangener Tag wird.
03 / Die Geschichte
Vom gemeinsamen Gedenken zum Novemberfest.
Das gemeinsame Erinnern an Heilige reicht weit zurück. Schon im 4. Jahrhundert sind Feiern zu Ehren aller heiligen Märtyrer bezeugt. Dabei gab es unterschiedliche Termine, etwa im Mai oder am Sonntag nach Pfingsten. [1]
Ein wichtiger römischer Bezugspunkt ist die Weihe des Pantheons zur Kirche zu Ehren Marias und aller Märtyrer am 13. Mai 609. Der 1. November setzte sich später durch: Das Bistum Trier beschreibt seine Ausbreitung aus Irland und England auf dem europäischen Kontinent seit dem 8. Jahrhundert. Nun galt das Fest allen Heiligen. [1]
Das Allerseelengedenken hat einen eigenen Ausgangspunkt im Kloster Cluny. Abt Odilo führte den Gedenktag für die von Cluny abhängigen Klöster ein. [1] Die Nachbarschaft im Kalender verbindet damit zwei gewachsene christliche Traditionen.
Diese Entwicklung lohnt einen zweiten Blick: Der heute vertraute Novembertermin steht am Ende einer längeren Geschichte. Das Fest lässt sich auch über frühere Termine und die Menschen verstehen, die es weitergetragen haben.
04 / Gräber, Blumen & Licht
Verbundenheit wird sichtbar.
Der Weg zum Grab
Ein Friedhofsbesuch kann in Gemeinschaft oder ganz persönlich stattfinden. Zur kirchlichen Gräbersegnung gehört das Gebet für die Verstorbenen. Darin kommt die christliche Hoffnung zum Ausdruck, dass ihre Verbindung mit Gott über den Tod hinaus Bestand hat. [2]
Für Angehörige kann der Weg zugleich sehr konkrete Erinnerungen wecken: an gemeinsame Sonntage, eine bestimmte Stimme oder eine kleine Gewohnheit. Ein Name auf dem Grabstein kann zum Anfang einer Erzählung werden.
Blumen und immergrüner Schmuck
Das Erzbistum München und Freising nennt Grün, Astern und Chrysanthemen als Beispiele des Grabschmucks. [3] Schon die gemeinsame Vorbereitung kann eine Form der Zuwendung sein: etwas auswählen, ordnen und mitbringen. Welche Gestaltung passend ist, hängt vom Ort und von den Menschen ab, an die erinnert wird.
Ein Licht der Hoffnung
In christlicher Deutung stehen die Grableuchten für Leben und Auferstehung. Ihr Licht verweist auf Christus und auf die Hoffnung über den Tod hinaus. [3] Wer einen Friedhof am Abend erlebt, sieht viele einzelne Zeichen des Gedenkens nebeneinander. Jedes gehört zu einer eigenen Geschichte.
05 / Regionale Bräuche
Ein geflochtener Zopf verbindet Generationen.
Zur Brauchgeschichte dieser Tage gehört auch Gebäck. In Oberösterreich sind Allerheiligenstriezel als geflochtene süße Brote bekannt. Das OÖ Forum Volkskultur beschreibt, dass Paten ihren Patenkindern solche Gaben weiterhin schenken. [4]
OBERÖSTERREICH
Geben und Gedenken
Ältere Gaben an Kinder und Bedürftige verbanden sich mit der religiösen Vorstellung von den „Armen Seelen“. Wohltätigkeit sollte den Verstorbenen zugutekommen. Im Raum Kirchdorf an der Krems gibt es eine besondere Gebäckform: die „Himmelsleiter“ aus aneinandergereihten, S-förmigen Teigstücken. [4]
NIEDERÖSTERREICH
Striezel schenken und auswürfeln
Auch hier ist der Striezel als Geschenk von Patinnen und Paten überliefert. Im Weinviertel nennt die Volkskultur zudem das Striezelposchn am 31. Oktober: Man trifft sich im Wirtshaus und würfelt um das Gebäck. [5]
Solche Beispiele zeigen, wie viel Leben in einer stillen Festzeit steckt. Erinnerung und Begegnung können am Grab ebenso einen Platz haben wie beim Schenken, Backen oder Zusammensitzen. Die Formen unterscheiden sich von Region zu Region und von Familie zu Familie.
06 / Im Jahreskreis
Von den Herbstgeschichten zu den Novemberlichtern.
Mit Samhain, Halloween, Allerheiligen und Allerseelen begegnen sich rund um den Monatswechsel unterschiedliche Festgeschichten. Auf unserer Samhain-Seite geht es um irische Überlieferungen und heutige Feierformen. Allerheiligen öffnet den Blick auf christliches Gedenken und das dazugehörige Brauchtum.
Die zeitliche Nähe lädt zum Vergleichen ein: Wo kommen Menschen zusammen? Welche Geschichten werden erzählt? Wofür steht ein Licht? Die Antworten können sich berühren, ohne dass alle Feiern dieselbe Herkunft oder Bedeutung haben.
Auch die Bauernregeln des Novembers gehören in diesen Zusammenhang. Sie zeigen, wie aufmerksam frühere Generationen den Übergang zur Winterzeit beobachteten. Ihre Wetterbeobachtungen ergänzen die Festgeschichten um eine weitere Perspektive auf den Monat.
07 / Heute gestalten
Erinnerung braucht keine große Inszenierung.
Die folgenden Ideen sind heutige Anregungen von KrautKult. Sie lassen Raum für religiöses Gedenken ebenso wie für eine persönliche Form der Erinnerung.
- Eine kleine Geschichte mitbringen. Beim gemeinsamen Besuch von einer Gewohnheit, einem Lieblingsgericht oder einem schönen Augenblick mit dem verstorbenen Menschen erzählen. Oft bleiben gerade die unscheinbaren Dinge besonders nah.
- Ein Foto gemeinsam betrachten. Namen und Orte zu einem alten Bild sammeln. Wer weiß noch, wann es aufgenommen wurde? Die Erinnerung auf der Rückseite oder in einer gemeinsamen Notiz festhalten.
- Etwas miteinander teilen. Ein Familienrezept backen oder einen Zopf verschenken. Wer sich vom Striezelbrauch anregen lässt, kann dazusagen, aus welcher regionalen Tradition die Idee stammt.
- Der eigenen Form Zeit geben. Ein stiller Spaziergang, ein Gespräch oder ein Moment zu Hause können ebenso passend sein. Niemand muss eine bestimmte Stimmung herstellen.
Auch Fragen dürfen bleiben. Gerade mit Kindern kann es wertvoll sein, erst zuzuhören: Was möchten sie wissen, woran erinnern sie sich selbst, und was würden sie gern erzählen?
08 / Passende Themen
Im Jahreskreis weiterlesen.
Diese Seiten verbinden die Bräuche mit Gedenktagen, Wetterwissen und benachbarten Festen. Zu den beiden Novembertagen findest du außerdem die Bauernregeln zu Allerheiligen und die Bauernregeln zu Allerseelen.
Wenige Tage später führt der Martinstag vom Licht des Gedenkens zu Laternen, Mantelteilung und gemeinsamem Teilen. Der Vergleich zeigt, wie unterschiedliche Festgeschichten denselben Monat prägen.
09 / Quellen & Weiterlesen
Die Bräuche in ihren Zusammenhängen entdecken.
Kirchliche Darstellungen erläutern Bedeutung und Geschichte des Festes. Regionale Volkskultur-Institutionen ergänzen die konkreten Brauchformen.
Bistum Trier · Allerheiligen und Allerseelen ↗
Warum liegen zwei unterschiedliche Gedenktage unmittelbar nebeneinander? Die Darstellung führt vom frühen Märtyrergedenken über den Novembertermin bis zum Kloster Cluny. Sie bietet eine knappe kirchengeschichtliche Orientierung und hilft, die eigene Geschichte beider Tage im Blick zu behalten.
Erzbistum Köln · Ursprung und Bräuche am 1. November ↗
Der Beitrag erklärt, wem das Fest gilt, und beschreibt den Friedhofsbesuch sowie die Gräbersegnung aus katholischer Sicht. Besonders anschaulich wird dabei die Verbindung zwischen dem Gedenken und der Hoffnung auf Auferstehung. Wir nutzen diese Erläuterungen für die religiöse Bedeutung der Bräuche, nicht als allgemeingültige persönliche Deutung von Trauer.
Erzbistum München und Freising · Allerheiligen und Allerseelen ↗
Grableuchten, Grün und Herbstblumen geben dem Erinnern eine sichtbare Form. Der Beitrag beschreibt solche Bräuche und erläutert die christliche Lichtsymbolik. Für unseren Blick auf den Jahreskreis verbindet er konkrete Zeichen auf dem Friedhof mit ihrer religiösen Bedeutung; die genannten Pflanzen sind Beispiele für Grabschmuck, keine allgemeine Pflanzempfehlung.
OÖ Forum Volkskultur · Allerheiligengebäck ↗
Der oberösterreichische Brauchkalender stellt geflochtenes Festgebäck und regionale Formen vor. Er erzählt vom Beschenken mittelloser Menschen und Kinder und von Patengeschenken, die bis heute weitergegeben werden. Der Eintrag macht greifbar, wie sich Erinnerung, religiöse Vorstellungen und gelebte Fürsorge in einem alltäglichen Lebensmittel begegnen.
Kultur.Region Niederösterreich · Schaufenster 3/2024 ↗
Der Jahreszeitenbeitrag auf der gedruckten Seite 12 nennt den Striezel als Patengeschenk und das Striezelposchn im Weinviertel. Damit ergänzt er die oberösterreichischen Beispiele um eine weitere konkrete Region. Er lädt dazu ein, nach örtlichen Formen zu fragen, statt einen einzigen Brauch für den gesamten deutschsprachigen Raum vorauszusetzen.