BRAUCHTUM & FESTE · Dezember
Silvester & Neujahr.
Ein guter Anfang.
Glück verschenken, gemeinsam feiern und den ersten Morgen begrüßen: Bräuche zum Jahreswechsel und ihre Geschichten.
GLÜCK WEITERGEBEN.
01 / Kurz erklärt
Ein guter Wunsch an der Schwelle.
Die letzten Stunden des Jahres haben ihren eigenen Klang. Geschirr klappert, jemand schaut auf die Uhr, ein vertrautes Lied beginnt. Dann ist Mitternacht: Wir wünschen einander Glück, nehmen uns in den Arm oder schicken einen Gruß an Menschen, die gerade weit weg sind.
Silvester und Neujahr geben dem Wechsel eine gemeinsame Form. Kleine Geschenke, festliches Essen, Musik und wiederkehrende Handlungen machen aus einer neuen Zahl im Kalender einen spürbaren Anfang. Manches wird seit Generationen weitergegeben, anderes ist erst mit Radio und Fernsehen vertraut geworden. Beides kann dazugehören.
02 / Termin & Jahreslauf
Zwei Tage, die einander die Hand reichen.
31. Dezember bis 1. Januar
Silvester ist der letzte Tag des bürgerlichen Kalenderjahres, Neujahr sein erster. Der Abend des 31. Dezember und der erste Morgen im Januar gehören dabei zusammen: Abschied und Neubeginn liegen dicht beieinander. Mit Mitternacht wechselt die Jahreszahl.
Woher der Name Silvester kommt
Der Tagesname erinnert an Papst Silvester I., der am 31. Dezember 335 starb. Sein kirchlicher Gedenktag und die Feier des Jahreswechsels treffen auf demselben Datum zusammen. Die Lebensgeschichte des Papstes erklärt den Namen; die unterschiedlichen Neujahrsbräuche haben jeweils ihre eigene Geschichte. [1]
Der Neujahrstag hat auf KrautKult deshalb einen eigenen Eintrag als Kalender- und Gedenktag. Er erschließt auch die kirchlichen Bezüge des 1. Januar.
03 / Glück verschenken
Kleine Zeichen für große Wünsche.
Ein Schweinchen, ein Rauchfangkehrer, eine Münze oder ein kleiner Fliegenpilz: Als Neujahrsgabe werden solche Figuren zu einem handlichen Wunsch. Das Volkskundemuseum Wien sammelt sie auch wegen ihrer sozialen Bedeutung. Im Verschenken wird sichtbar, dass Menschen aneinander denken. [2]
Gerade das Glücksschwein verbindet sich leicht mit der Vorstellung, gut versorgt ins neue Jahr zu kommen. Das Museum erläutert die Bedeutung des Schweins für frühere bäuerliche Haushalte, lässt die genaue Entstehung des Glückszeichens aber ausdrücklich offen. Als Geschenk steht heute vor allem der freundliche Wunsch im Mittelpunkt, den jemand damit weitergibt. [2]
Vielleicht kommt euer Glücksbringer aus der Backstube, vielleicht ist er aus Papier gefaltet. Ein persönlicher Satz macht ihn unverwechselbar: Wofür wünschst du diesem Menschen im kommenden Jahr besonders viel Glück?
04 / Die Nacht begrüßen
Glocken, Musik und vertraute Wiederholungen.
Mitternacht soll hörbar werden. Das OÖ Forum Volkskultur beschreibt den Austausch guter Wünsche, Glockenklang, Feuerwerk und den Tanz zu Johann Strauss’ Walzer „An der schönen blauen Donau“. In Österreich gehört auch die übertragene Stimme der Pummerin, der großen Glocke des Wiener Stephansdoms, zu diesem Jahreswechsel. [3]
Für historische Lärmbräuche werden verschiedene Bedeutungen diskutiert: Schutzvorstellungen gehören dazu, ebenso Ausgelassenheit und die gemeinsame Freude am Klang. Die regionalen Beschreibungen machen diese Vielfalt hörbar: Hinter einer Feier können Schutzwünsche, Geselligkeit und die Freude am gemeinsamen Neubeginn stehen. [3]
Auch das Fernsehen kann Tradition werden
„Dinner for One“ ist ein anschauliches Beispiel für einen jüngeren Silvesterbrauch. Der NDR zeichnete den Sketch mit Freddie Frinton und May Warden 1963 auf; seit der Silvesterausstrahlung 1972 wurde er zum wiederkehrenden Begleiter des Jahreswechsels. Dass man die nächste Pointe längst kennt, kann gerade den Reiz des gemeinsamen Wiedersehens ausmachen. [4]
05 / Regionale Bräuche
Vom Hörnchen bis zum Schellenklang.
Westfalen-Lippe · Neujahr zum Teilen
Die Iserkoken werden im heißen Eisen dünn gebacken und anschließend zu Hörnchen gerollt. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe beschreibt sie als Spezialität zu Silvester und Neujahr, häufig mit Anisaroma. Auch die Namen erzählen von ihrer Heimat: Neben Iserkoken begegnen etwa Niejaohrskoken und Eiserkuchen. [6]
So bekommt der Jahresanfang einen vertrauten Geschmack. Wer ein Familienrezept aufbewahrt, bewahrt oft auch die Erinnerung an die Person, die früher am Eisen stand und die noch warmen Kuchen formte.
Appenzell Ausserrhoden · Ein klingender Neujahrsgruß
Beim Silvesterchlausen ziehen Gruppen, die „Schuppel“, zu den Höfen. Sie lassen ihre Schellen erklingen, singen ein wortloses „Zäuerli“ und wünschen den Menschen ein gutes neues Jahr. Zu den verschiedenen Gestalten gehören die „Schöne“, „Schö-Wüeschte“ und „Wüeschte“, mit aufwendig gestalteten Hauben, Masken oder Gewändern aus Naturmaterialien. [5]
Der Brauch kennt neben Silvester auch den „Alten Silvester“ am 13. Januar. Die örtliche Brauchzeit reicht damit über die eigentliche Neujahrsnacht hinaus. Wer den Brauch vor Ort erleben möchte, findet in der verlinkten Darstellung den kulturellen Hintergrund. [5]
06 / Wünsche & Orakel
Was mag das neue Jahr bringen?
Mit dem Anfang verbindet sich Neugier. Volkskundliche Beschreibungen aus Westfalen erzählen von Losbräuchen, dem Deuten gegossener Formen und Fragen nach Liebe oder Lebensglück. Darin werden die Hoffnungen sichtbar, mit denen Menschen einem noch unbekannten Jahr entgegensahen. [7]
Der LWL beschreibt auch das „Abgewinnen des Neuen Jahres“: Wer in der Familie zuerst den Neujahrswunsch aussprach, konnte dafür eine kleine Gabe erhalten. Ein Gruß wurde zum Spiel, ein guter Wunsch zur gemeinsamen Handlung. [7]
Heute lässt sich diese Freude am Deuten leicht als Erzählspiel aufnehmen: Jede Person zeichnet eine Form auf eine Karte, die anderen erfinden dazu eine freundliche Geschichte für das kommende Jahr. Diese heutige Spielidee lässt Raum für Fantasie und persönliche Wünsche. Was dabei zählt, sind die Gedanken, die ihr miteinander teilt.
07 / Wetter & Jahreskreis
Den Himmel anschauen, das Jahr willkommen heißen.
Zum Jahreswechsel richtet sich der Blick auch nach draußen: Sind Sterne zu sehen? Weht Wind? Liegt Schnee? Bauernregeln halten solche Beobachtungen in kurzen, einprägsamen Sprüchen fest. Ihre Verbindung von Wetter, Ernte und Hoffnung macht verständlich, weshalb sie gerade an dieser Schwelle einen Platz haben.
Die Regel „Silvesternacht düster oder klar sagt an ein gutes Jahr“ klingt wie ein freundlicher Gruß. Unser Regelporträt zeigt, weshalb diese Fassung vor allem Zuversicht ausdrückt. Eine andere Silvesterregel verbindet wenig Wind und Morgensonne mit der Hoffnung auf Wein und Korn.
Die Wetterbeobachtung zwischen Weihnachten und Dreikönig gehört zu einem längeren Brauchzeitraum. Als Wettertagebuch lässt sich dieser aufmerksame Blick gut weiterführen: Haltet fest, was ihr tatsächlich seht, und schaut später gemeinsam zurück. Die symbolische Zuordnung zu den kommenden Monaten bleibt dabei eine Form der Jahresdeutung.
In der oberösterreichischen Überlieferung zählt die Silvesternacht zu den besonders hervorgehobenen Rauhnächten. Unser Rauhnächte-Beitrag erklärt die unterschiedlichen Zählweisen und den Platz dieser Nacht zwischen Weihnachten und Dreikönig. [8]
08 / Heute gestalten
Ein Jahreswechsel, der zu euch passt.
Ein schöner Übergang braucht keinen festen Ablauf. Diese Ideen sind Anregungen für heute; ihr könnt sie mit euren eigenen Familienbräuchen verbinden.
- Ein guter Satz für jemanden: Schreibt zu einer kleinen Gabe, was ihr der beschenkten Person wünscht. Vielleicht ist es Zeit, Mut oder eine gemeinsame Unternehmung.
- Erinnerungen auf den Tisch: Jede Person bringt ein Foto oder einen kleinen Gegenstand mit und erzählt, welcher Moment des vergangenen Jahres daran hängt.
- Etwas gemeinsam backen: Holt ein Familienrezept hervor oder bittet jemanden, euch seinen Neujahrskuchen zu zeigen. Schreibt die Geschichte zum Rezept dazu.
- Den ersten Morgen wahrnehmen: Öffnet das Fenster oder geht eine kleine Runde. Haltet einen Eindruck fest: das Licht, einen Vogelruf, den Geruch der kalten Luft.
- Ein Vorhaben verabreden: Wählt etwas, auf das ihr euch gemeinsam freuen könnt, und legt gleich einen Termin dafür fest.
Vielleicht wird eine dieser kleinen Handlungen beim nächsten Jahreswechsel wiederkehren. So beginnt manchmal eine eigene Tradition.
09 / Verbindungen im Jahreskreis
Vom Festabend weiter durch den Winter.
Weihnachtsbräuche · Was noch nachklingt
Der Jahreswechsel liegt mitten in einer Zeit voller Familienrituale. Unsere Weihnachtsbräuche erzählen von Baum, Krippe und Bescherung und zeigen, wie unterschiedlich vertraute Festformen gewachsen sind.
Wintersonnenwende · Der Wendepunkt des Lichts
Das neue Kalenderjahr beginnt nach der Wintersonnenwende. Dort geht es um den astronomischen Wechsel und die Überlieferungen rund um Jul – einen anderen, nahen Bezugspunkt im winterlichen Jahreslauf.
Dreikönig · Eine weitere Schwelle
Für manche Rauhnacht-Zählweisen endet die besondere Zwischenzeit am 6. Januar. Der bestehende Eintrag zum Dreikönigstag erschließt den kirchlichen Gedenktag und seine Bezüge im Kalender.
10 / Quellen & Weiterlesen
Den Hintergründen nachgehen.
Bistum Augsburg: Silvester I. ↗
Das Heiligenporträt nennt den 31. Dezember als Todes- und Gedenktag Silvesters I. Es erschließt den Namensgeber des Tages und unterscheidet seine Lebensgeschichte von späteren Legenden. Dadurch wird der kirchliche Bezug verständlich, der im vertrauten Tagesnamen weiterlebt.
Volkskundemuseum Wien: Mit einem Glücksschwein ins Neue Jahr ↗
Die Begleitpublikation zur Ausstellung 2018/2019 betrachtet kleine Glücksfiguren als Geschenke und Zeugnisse von Alltagskultur. Besonders hilfreich ist ihr genauer Blick auf das Glücksschwein: Sie erläutert Zusammenhänge, macht aber auch kenntlich, wo eine eindeutige Herkunft bislang nicht belegt ist.
OÖ Forum Volkskultur: Silvester ↗
Die regionale Darstellung führt vom gemeinsamen Feiern zu Glockenklang, Walzer und Glücksgeschenken. Sie stellt zudem unterschiedliche Deutungen von Lärmbräuchen nebeneinander. Das eröffnet einen Blick auf die verschiedenen Vorstellungen und Ausdrucksformen, die Menschen mit dieser Nacht verbinden.
NDR: 60 Jahre „Dinner for One“ ↗
Der Sender beschreibt die eigene Produktion von 1963 und die erste Silvesterausstrahlung 1972. Damit lässt sich an einem vertrauten Beispiel nachvollziehen, wie auch ein Fernsehritual zu einem festen Bestandteil des Jahreswechsels werden kann.
Bundesamt für Kultur: Silvesterchlausen ↗
Der Eintrag im Schweizer Verzeichnis der lebendigen Traditionen beschreibt die Besuche auf den Höfen, Schellenklang, Gesang und die verschiedenen Chlausengestalten. Er verortet den Brauch in Appenzell Ausserrhoden und nennt neben Silvester den Alten Silvester am 13. Januar.
Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Iserkoken – ein traditionelles Gebäck zu Neujahr ↗
Die sprach- und kulturkundliche Darstellung erklärt die dünn im Eisen gebackenen Neujahrskuchen sowie regionale Bezeichnungen. So verbindet sie die konkrete Backpraxis mit dem Wortschatz einer Region und macht nachvollziehbar, was an diesem Gebäck weitergegeben wird.
Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Bräuche zum Jahreswechsel ↗
Die volkskundliche Rückschau von 2001 beschreibt ältere westfälische Orakel- und Glückwunschbräuche, darunter das Abgewinnen des Neuen Jahres. Sie eröffnet Einblicke in die Hoffnungen früherer Generationen und in die spielerischen Formen, mit denen Menschen einander Glück wünschten.
OÖ Forum Volkskultur: Raunächte ↗
Der Überblick hebt für Oberösterreich vier Nächte hervor, darunter die Silvesternacht. Er hilft, den Jahreswechsel in diesen regionalen Brauchzeitraum einzuordnen und seine Verbindungen zu Weihnachten und Dreikönig zu verstehen.